BEWERTUNGSPORTALE UND DIE FOLGEN

Auch wenn sich die Bewertung von Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Verhältnis zu Ärzten noch in Grenzen hält, können solche Einträge durchaus Ärger und tiefes Unbehagen auslösen, in Einzelfällen sogar praxisschädigend sein. Darüber hinaus wird etwas aus der intimen und vertraulichen psychotherapeutischen Beziehung heraus veröffentlicht, was sehr verunsichernd sein kann. Da die Bewertungen anonym stattfinden, fragen wir uns natürlich sofort, welcher Patient das gewesen sein kann. Wir gehen die Patienten durch, überlegen, welche Situation gemeint sein können und versuchen, den Patienten der Anonymität zu entreißen. Aber was dann?

Die Bewertungsportale bieten uns Behandlern Möglichkeiten zur Reaktion. Dabei ist aber besonders darauf zu achten, dass unsere Reaktionen keinen Verstoß gegen das Berufsrecht darstellen dürfen. Denn wir unterliegen unseren Patienten gegenüber u.a. der Schweigepflicht. Gerichte haben festgelegt, dass Bewertungsportale den Bewerteten die Möglichkeit einräumen müssen, ihre Bewertungen prüfen zu lassen. Wenn jemand auf einer Plattform Falschbehauptungen aufstellt, kann der Betroffene diese beim Portal-Betreiber melden. Der umstrittene Eintrag muss dann geprüft und – gegebenenfalls immer wieder – zeitnah gelöscht werden. Ergibt die Überprüfung keinen Verstoß gegen geltende Gesetze, darf der Beitrag aber wieder online gehen. Man kann den anonymen Kommentator jedoch auch anzeigen – etwa wegen Beleidigung, wenn sich diese aus dem Eintrag ergibt. Sobald ein entsprechender richterlicher Beschluss vorliegt, muss der Betreiber die Daten des anonymen Bewerters mitteilen. Sehen Sie dazu auch die Urteile (z.B. BGH: AZ VI ZR 345/13; BGH: AZ VI ZR 34/15). Darüber hinaus findet man unter „BGH Spick mich“ weitere Informationen, die sich auf die Bewertung von Lehrern bezogen hatten.

Die rechtliche Einordnung einer Bewertung in so einem Prüfprozess bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen der freien Meinungsäußerung und dem Persönlichkeitsrecht des Behandlers, das zum Beispiel durch Beleidigungen oder falsche Tatsachenbehauptungen verletzt würde. Meinungen sind rechtlich geschützt (§ 5 GG), auch kritische Meinungen, solange sie nicht z. B. durch Beleidigungen das Persönlichkeitsrecht (§ 1 und 2 GG) des Behandlers verletzen. Tatsachenbehauptungen dagegen müssen im Zweifel beweisbar sein. Das bedeutet aber nicht, dass Tatsachenbehauptungen per se untersagt sind. Im Streitfall sind sie im Unterscheid zu Meinungsäußerungen jedoch angreifbar. In den meisten Fällen ist es Patienten nicht möglich, Tatsachenbehauptungen ausreichend zu belegen, so dass einzelne Sätze, die eine strittige Tatsache beschreiben, oder aber ganze Bewertungen in Folge eines Prüfprozesses manchmal gelöscht werden müssen.

Grundsätzlich müssen Bewertungen ausgehalten werden, solange sie das Persönlichkeitsrecht nicht verletzen und keine falschen Aussagen treffen. Das ist im Einzelfalls schwer nachweisbar. Z.B. das Bewertungsportal Jameda bietet unter „FAQ Ärzte“ dazu nähere Informationen. Unstrittig ist, dass Bewertungsportale haften, wenn sie nachweislich falsche Äußerungen nicht löschen. In solcher Situation sollten Sie sich rechtlichen Beistand suchen. Die entsprechenden Juristen sollten sowohl im Medienrecht, wie auch im Berufsrecht qualifiziert sein bzw. sollten Sie diesen auf unser Berufsrecht hinweisen. Einen qualifizierten Anwalt können Sie über die Rechtsanwaltskammer bzw. den Anwaltssuchdienst des HAV (Hamburgischer Anwaltsverein) finden.

Leider können Behandler ihre Daten nicht aus einem Bewertungsportal streichen lassen. Auch dazu gibt es vom BGH im September 2014 ein Urteil, in dem einem Gynäkologen untersagt wurde, sich aus dem Portal streichen zu lassen. Das öffentliche Interesse sei höher zu bewerten als das Recht des Arztes auf informelle Selbstbestimmung.

Aber was bedeutet solch ein Eintrag für einen laufenden therapeutischen Prozess, wenn wir nicht wissen, welcher Patient es war? Was passiert, wenn der Patient über den Eintrag spricht, er den Eintrag aber nicht löschen lassen will? Hier stellen sich besondere psychotherapeutische Herausforderungen, die mitunter auch der Supervision bedürfen können. Dort stellt sich sicher die Frage, ob mit dem Patienten weiter ein Arbeitsbündnis aufrecht erhalten bleiben kann, oder sich dieses als so angegriffen zeigt, dass eine psychotherapeutische Arbeit nicht mehr möglich ist. So werden uns Bewertungsportale sicher in Zukunft in zunehmendem Maß beschäftigen und neben den rechtlichen Fragen besonders psychotherapeutisch herausfordern.

Dipl.-Psych. Torsten Michels, Vizepräsident

Wir möchten unsere angestellten Mitglieder auf eine von Heiner Vogel und Klaus Thomsen, Mitglieder im BPtK-Ausschuss „Psychotherapie in Institutionen“, initiierte Unterschriftenaktion aufmerksam machen, in der die Forderung nach einer facharztäquivalenten Vergütung, wie sie auch auf dem Deutschen Psychotherapeutentag am 23.4.2016 erhoben wurde, bekräftigt wird. In Gesprächen mit Ver.di sollen die gesammelten Unterschriften diese Forderung untermauern, um diese in zukünftige Tarifverhandlungen einfließen zu lassen.

Unterschriftenliste zur Tarifforderung an VERDI (PDF, 94 kb)

BPtK-Studie zu den Qualitätsberichten der Psychiatrie und Psychosomatik

Das Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung psychiatrischer Leistungen (PsychVVG) muss zu mehr Transparenz führen. Wie viel und welches Personal die Kliniken haben, welche Leistungen sie damit erbringen und ob ihre Behandlungen leitliniengerecht sind, ist aktuell für niemanden erkennbar. Das ist das Ergebnis der Studie „Die Qualität der Versorgung in Psychiatrie und Psychosomatik – Eine Auswertung der Qualitätsberichte der Krankenhäuser“, die die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) heute in Berlin vorlegte.

„Die Qualität der Versorgung in Kliniken muss für psychisch kranke Menschen, aber auch einweisende Ärzte und Psychotherapeuten erkennbar sein“, erklärt BPtK-Präsident Dr. Dietrich Munz. „Dafür sind eigentlich die Qualitätsberichte der Krankenhäuser da. Es ist jedoch erstaunlich, wie wenig diese aufwendigen Dokumentationen der psychiatrischen und psychosomatischen Krankenhäuser an aussagekräftigen Daten liefern. Deshalb müssen die Anforderungen an diese Qualitätsberichte grundlegend überarbeitet werden. Aus ihnen muss zukünftig zu erkennen sein, welche Personalausstattung eine Klinik hat und wie sie ihre Patienten damit behandelt.“

Die BPtK hat für ihre Studie in drei prototypischen Bundesländern (Bayern, Hamburg und Sachsen) die Qualitätsberichte der psychiatrischen Krankenhäuser und Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern ausgewertet und mit den Vorgaben der Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) verglichen. Das zentrale Ergebnis der BPtK-Studie ist: Verlässliche Aussagen darüber, wie die Qualität der psychiatrischen Versorgung in den ausgewählten Bundesländern ist, lassen sich aus den Qualitätsberichten nicht ableiten. Erst auf der Basis umfangreicher zusätzlicher Recherchen wird deutlich, dass die Personalvorgaben der Psych-PV in vielen Häusern unterschritten werden.

Geld, das für Personal verhandelt wurde, muss auch für Personal verwendet werden. „Wir brauchen dringend verbindliche Vorgaben für die Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik. Zusätzlich sollte überprüft werden, ob diese Vorgaben auch eingehalten werden“, hält BPtK-Präsident Munz fest. „Im PsychVVG wird dies aufgegriffen. Was noch fehlt, sind gesetzliche Grundlagen für eine bessere Beschreibung der Leistungen in den Kliniken.“ Die BPtK hält es deshalb für notwendig, den Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS) systematisch zu überprüfen und neu zu konzipieren.

Auf Basis der Qualitätsberichte lassen sich bisher nur folgende allgemeine Aussagen treffen:

  • Deutliches Defizit bei psychotherapeutischen Leistungen:

In fast neun von zehn (86 Prozent) der allgemeinpsychiatrischen und psychosomatischen Kliniken und Abteilungen gibt es ausreichend ärztliches und fachärztliches Personal, um die medizinische Grundversorgung der Patienten sicherzustellen.

Nach der Psych-PV werden psychotherapeutische Leistungen bisher Ärzten und Psychologen zugeordnet. Nur drei von vier Kliniken und Abteilungen für Allgemeinpsychiatrie (75 Prozent) und etwas knapper für Kinder- und Jugendpsychiatrie (73 Prozent) erfüllen danach die Personalanforderungen. In der Psychosomatik ist die Personalausstattung dagegen besser. Dort verfügen 95 Prozent der Kliniken über ausreichend psychotherapeutisches Personal.

„Dass selbst die Standards der Psych-PV nicht erfüllt werden, ist beunruhigend“, stellt BPtK-Präsident Munz fest. „Die Psych-PV ist seit 1990 nicht aktualisiert, auf heutige Leitlinien angepasst und deshalb überholt. Konzepte und Mittel zur Behandlung von psychischen Erkrankungen haben sich in den vergangenen 25 Jahren erheblich weiterentwickelt.“

  • Eklatante pflegerische Unterversorgung in den psychiatrischen Einrichtungen

Verglichen mit der Psych-PV, verfügt die Hälfte der Kliniken und Fachabteilungen der Erwachsenenpsychiatrie nicht über eine ausreichende pflegerische Personalausstattung.

„Das kann für Patienten dramatische Folgen haben, insbesondere wenn die Nachtwachen auf den Stationen nicht ausreichend besetzt sind“, erläutert Munz. „Akute Krisensituationen, in denen ein Patient beispielsweise sich selbst oder andere zu gefährden droht, sind dann kaum noch ohne Schaden für Patient oder Personal zu bewältigen.“ Auch die Zahl der Zwangsbehandlungen und -maßnahmen erhöhe sich, wenn nicht ausreichend Pflegepersonal für eine 1:1-Betreuung zur Verfügung steht.

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G-BA erleichtert Jobsharing und Anstellung in psychotherapeutischen Praxen

Psychotherapeutische Praxen können künftig ihren Patienten mehr Behandlungen dadurch anbieten, dass sie sich leichter einen Praxissitz teilen (Jobsharing) oder einen Psychotherapeuten anstellen können. Künftig können Psychotherapeuten mit diesen Mitteln die Anzahl ihrer Behandlungsstunden („Praxisumfang“) auf 125 Prozent des Durchschnitts ihrer Berufsgruppe („Fachgruppendurchschnitt“) steigern. Dadurch können zusätzliche Behandlungsplätze in der ambulanten Psychotherapie geschaffen und Wartezeiten verringert werden. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beschloss am 16. Juni 2016 die dafür notwendige Änderung der Bedarfsplanungs-Richtlinie.

„Dies ist vor allem eine sinnvolle Option für Psychotherapeuten, die ihre Praxen nicht voll auslasten können, aber auch für junge Kollegen, die ambulant tätig werden möchten“, erläutert Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Dadurch entstehen erstmals Beschäftigungsmöglichkeiten, die tatsächlich sowohl für Praxisinhaber als auch die nächste Generation der Psychotherapeuten interessant sind.“ Bisher war der Praxisumfang bei Jobsharing und Anstellung auf die Anzahl der Behandlungsstunden begrenzt, die eine Praxis in den vergangenen vier Quartalen geleistet hat (plus drei Prozent des Fachgruppendurchschnitts).

Die neue Regelung gilt allerdings nur für Praxen, die bisher unterdurchschnittlich viele Behandlungsstunden angeboten haben. Für Praxen, die über dem Durchschnitt der Berufsgruppe liegen, besteht die bisherige Obergrenze fort. Psychotherapeuten dürfen, wenn sie sich z. B. eine Praxis teilen, nicht mehr Stunden anbieten, als der alleinige Inhaber bislang abgerechnet hat. Der neue Spielraum entsteht also ausschließlich für Praxen mit vergleichsweise wenigen Behandlungen im Vorjahr. Eine Praxis, die beispielsweise im letzten Jahr 20 Behandlungsstunden pro Woche geleistet hat, kann künftig durch Jobsharing oder Anstellung eines Psychotherapeuten ihr Angebot auf rund 30 Therapiestunden ausweiten (bei einem Durchschnitt der Berufsgruppe von circa 24 Stunden pro Woche).

„Psychotherapeuten können dadurch auch die gestiegenen Anforderungen an die psychotherapeutische Versorgung mit dem Angebot von Sprechstunden, Akutbehandlung, mehr Gruppenpsychotherapie, einem differenzierteren psychotherapeutischen Leistungsangebot und stärkere Vernetzung der psychotherapeutischen Praxis besser erfüllen“, erklärt BPtK-Präsident Munz.

Der G-BA hat damit den Auftrag des Versorgungsstärkungsgesetzes umgesetzt, den Psychotherapeuten zu ermöglichen, über Jobsharing und Anstellung mehr Behandlungsplätze anzubieten, um so die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern.

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ZWISCHEN EMPATHIE UND ABGRENZUNG

PSYCHOTHERAPIE IM KONTEXT VON FLUCHT- UND MIGRATIONSBEWEGUNGEN UND GESELLSCHAFTLICHEN POLARISIERUNGSTENDENZEN

 

Thema

 

Hamburgs Bevölkerung ist bunt: Eine Vielzahl von Ethnien, Kulturen und Religionen sind vertreten, mehr als 32% der Einwohnerinnen und Einwohner hat familiäre Wurzeln in einem anderen Herkunftsland. Eine große Zahl von ihnen lebt bereits seit mehreren Generationen in der Hansestadt. Über 28.000 geflüchtete Menschen hat Hamburg seit Januar 2015 aufgenommen. Es sind Frauen, Männer und Kinder, die vor Kriegsgewalt, Folter, Verfolgung und Armut im eigenen Land geflohen sind. Viele werden in ihre Heimat zurückgehen wollen, sobald Frieden eingekehrt ist. Aber viele werden auch bleiben. Diversität, Interkulturalität, Integration, Inklusion und Willkommenskultur sind Stichworte in einem gesellschaftlichen Diskurs, der die damit verbundenen Herausforderungen für unser Zusammenleben beschreiben und konstruktiv gestalten möchte. Zugleich gibt es Tendenzen, in denen gesellschaftliche Gruppen nicht nur auf Abgrenzung und Abschottung, auf die Rückbesinnung auf „christlich-abendländische“ Werte und auf ein Schwarz-Weiß-Denken mit klaren Feindbildern setzen, sondern sich auch zunehmend in ihren Aktionsformen radikalisieren. Welche Auswirkungen haben diese gesellschaftlichen Entwicklungen auf die psychotherapeutische Theorie und Praxis? Wie wird bzw. muss sich zukünftig die psychotherapeutische Versorgung gestalten? Wie und an welchen Stellen wollen und sollten wir uns als Profession in den aktuellen Diskursen artikulieren und positionieren? Lassen Sie uns gemeinsam nachdenken und diskutieren.

Wir laden Sie ein zum 6. Hamburger Psychotherapeutentag und freuen uns darauf, Sie im „Tor zur Welt“ zu begrüßen!

Dipl.-Psych. Heike Peper (Präsidentin)
Dipl.-Psych. Torsten Michels (Vizepräsident)


Hier können Sie den Flyer des Psychotherapeutentages einsehen!

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Vormittags


09:30 Uhr Anmeldung, Begrüßung

10:00 Uhr Eröffnung durch Präsidentin Dipl.-Psych. Heike Peper

10:10 Uhr Vorträge

(Un)Willkommen – Integrationsvorstellungen und Mitgliedschaftsbedingungen der deutschen Mehrheitsbevölkerung
MA Soz. Madlen Preuß
Alle Jahre wieder erstarkt die Diskussion um die ‚richtige‘, die ‚echte‘ Integration. Die politische Erarbeitung und Implementierung eines Integrationsgesetzes stößt dabei einerseits auf massiven Widerstand, andererseits auf Wohlgefallen seitens konservativer Kräfte. Welche Vorstellungen über das gemeinsame Miteinander die deutsche Bevölkerung hingegen pflegt, soll mit dem Vortrag eingehend beleuchtet werden.

Transkulturelle Psychotherapie Der Umgang mit dem Fremden in uns
Dipl.-Psych. Fatih Güç
Zunächst werde ich ein Konzept zur transkulturellen Psychotherapie vorstellen, das sich in der psychotherapeutischen Arbeit mit Migranten aus islamischen Ländern sehr hilfreich erwiesen hat. Dabei beleuchte ich einige kulturell bedingte Phänomene tiefenpsychologisch. Ein Stundenprotokoll aus einer Behandlung zeigt, wie das Fremde von beiden Beteiligten Besitz ergreifen kann. Dadurch kommt eine intersubjektiv verstandene therapeutische Beziehung in den Blick und die Überwindung des Fremden erweist sich als transkulturelle Aufgabe, die an uns Therapeuten, unabhängig von unserer Herkunft, gestellt ist.

11:30 Uhr Kaffeepause

12:00 Uhr Vortrag

Versorgung psychisch kranker Flüchtlinge – Quo vadis?
Dr. Theresa Unger
Über eine Million Flüchtlinge haben seit vergangenem Jahr Schutz in Deutschland gesucht. Viele von ihnen sind psychisch krank und brauchen professionelle Hilfe. Die gesetzlichen Regelungen erschweren ihnen jedoch den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Im Vortrag wird dargestellt, unter welchen psychischen Erkrankungen Flüchtlinge leiden. Es wird erläutert, welche Barrieren dazu führen, dass psychisch kranke Flüchtlinge keine angemessene Versorgung erhalten und was politisch getan werden muss, um dies zu ändern.

12:40 Uhr Diskussion mit den Vortragenden

13:00 Uhr Mittagspause

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Nachmittags


14:00 Uhr Workshops

Workshop A
SEGEMI: Seelische Gesundheit, Migration und Flucht e.V. – Bindeglied zwischen psychotherapeutischer Versorgung und psychosozialer Beratung

Dr. Marc Burlon und Leon Sautier
SEGEMI möchte die ambulante psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung von Flüchtlingen in Hamburg verbessern und wird von Experten aus unterschiedlichen Einrichtungen getragen. Neben einer Analyse der Hamburger Versorgung von Flüchtlingen wollen wir die Arbeit von SEGEMI anhand von praktischen Beispielen vorstellen und diskutieren (z.B. Arbeit Dolmetscher, Antragstellung & Kostenübernahme, Interkulturelle Kompetenzen).

Workshop B
Interkulturelle Kompetenzen in der Psychotherapie
Dipl.-Psych. Demet Dingoyan und Martina Simon
Interkulturalität prägt aufgrund zunehmender Migrations- und Fluchtbewegungen verstärkt die psychotherapeutische Realität. Was heißt in diesem Zusammenhang interkulturelle Kompetenz für die Behandler, wo wird kulturelle Identität als Einflussgröße spürbar und wie geht man mit kultureller Diversität und Ambiguität um – diesen Fragen will der Workshop mit praxisnahen Reflexionsimpulsen und Beispielen nachgehen.

Workshop C
Dolmetschen in der Psychotherapie
Dr. Mike Mösko und Rabia Tayyeb
Die schönen und herausfordernden Facetten der psychotherapeutischen Arbeit in der Triade (PatientIn-DolmetscherIn-TherapeutIn) werden gemeinsam mit einer erfahrenen Dolmetscherin anschaulich vorgestellt. Anschließend wird die Frage erörtert „Was kann ich als BehandlerIn machen, damit die Arbeit zu Dritt funktioniert?

Workshop D
Psychotherapieerfahrungen im transkulturellen Kontext – ein Fallseminar
Dipl.-Psych. Ursula Meier-Kolcu und Dipl.-Psych. Roya Zanbili
Die Begegnung mit dem Fremden in der Psychotherapie soll anhand von konkreten Fallbeispielen erläutert, eigene kulturelle Selbstverständlichkeiten hinterfragt und in Beziehung zu anderen kulturellen Selbstverständlichkeiten gesetzt werden. Es geht uns um die Reflexion therapeutischer Erfahrungen mit „fremden PatientIn-nen“ und um das Erkennen von inneren Hürden für die Arbeit im transkulturellen Setting.

Workshop E

„Niaminiouto – bringen wir alle zusammen“ Parameter in der Psychotherapie mit jugendlichen Flüchtlingen.
Dipl.-Päd. Ulrike Ganter und Alpha Samateh
Ohne die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Patient und Therapeutin schmälern zu wollen, geht es gerade in der Therapie mit Flüchtlingen um mehr: – lebenswichtige Unterstützungen; Kooperation mit anderen helfenden Einrichtungen und Behörden; das Warten auf Entscheidung zum Aufenthaltsstatus zu ertragen. Anhand einer Langzeittherapie wollen wir Einblick in unsere Erfahrung als Patient und Therapeutin geben und mit den TeilnehmerInnen diskutieren.

Workshop F
Psychotherapie im transkulturellen Kontext – ein fallorientiertes Selbsterfahrungsseminar
Dipl.-Psych. Dr. phil. Sonja Düring
Welchen Fallstricken begegnen wir in unserer Arbeit mit Klienten und Klientinnen aus fremden Kulturräumen? Wie gehen wir mit unserer eigenen Verunsicherung um, die in der Regel aufkommt, wenn unsere kulturellen Selbstverständlichkeiten im Spiegel des „Anderen” nicht mehr selbstverständlich sind? Diesen Fragen wollen wir u.a. anhand von konkreten Fallbeispielen nachgehen. Die Bereitschaft zum Rollenspiel in Kleingruppen wird vorausgesetzt.

15:30 Uhr Kaffeepause
15:45 Uhr Abschlussdiskussion
16:30 Uhr Ende der Veranstaltung


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Veranstaltungsort

6. Hamburger Psychotherapeutentag
Samstag, 10.09.2016, 10.00 – 16:30 Uhr
Bildungszentrum Tor zur Welt
Krieterstraße 2d
21109 Hamburg

Einen Anfahrtsplan finden Sie hier!


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Gebühren


Die Teilnahmegebühr für den Psychotherapeutentag beträgt

  • 60,- € inkl. Imbiss & Getränken
  • ermäßigt: 25,- € inkl. Imbiss & Getränken (für Studierende und Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ausbildung)

Bitte überweisen Sie den Betrag bis zum 31.08.2016 auf das unten angegebene Konto oder erteilen Sie uns ein SEPA-Lastschriftmandat.

Bankverbindung:
IBAN: DE56200505501208121317
BIC: HASPDEHHXXX


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Punkte


Für die Teilnahme an dem Psychotherapeutentag erhalten die Teilnehmenden 7 Fortbildungspunkte.


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Anmeldung

Anmeldeschluss ist der 27. August 2016
Die Zahl der Teilnehmenden in den Workshops ist begrenzt.

Bitte füllen Sie zur Anmeldung die unten aufgeführten Felder aus. 

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* = Obligatorisch
Zugehörige Dateien:
Flyer PT-Tag Download (1107 kb)
SEPA-Lastschriftmandat Download (155 kb)

BPtK fordert erhebliche Nachbesserungen am PsychVVG

Schwer psychisch Kranke, die in ihrem Alltag stark eingeschränkt sind, müssen zu oft ins Krankenhaus. „Patienten mit einer Schizophrenie oder einer chronischen Depression müssen in akuten Krankheitsphasen oder Krisen zu häufig nur deshalb stationär behandelt werden, weil ausreichend intensive ambulante Versorgungsangebote fehlen“, kritisiert Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Die Pläne der Bundesregierung, ein neues aufsuchendes Versorgungsangebot für schwer psychisch Kranke einzuführen, sind jedoch noch unausgereift und setzen einseitig auf die Leistungen von Krankenhäusern.“ Die BPtK fordert deshalb erhebliche Nachbesserungen am Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG), zu dem heute im Bundesgesundheitsministerium (BMG) die Anhörung zum Referentenentwurf stattfindet.

Das BMG will mit dem PsychVVG eine neue „stationsäquivalente Behandlung“ (§ 115d SGB V) einführen. Ist ein Patient „stationär behandlungsbedürftig“, soll das Krankenhaus seine Leistungen, die es auf Station erbringt, zukünftig auch ambulant im häuslichen Umfeld des Patienten einsetzen. „Die Einführung einer stationsäquivalenten Behandlung ist nicht geeignet, die Lücke zwischen ambulanter und stationärer Versorgung für schwer psychisch Kranke zu schließen“, stellt BPtK-Präsident Munz fest.

Die BPtK kritisiert dabei folgende Punkte:

  • Der Ansatz, die Versorgung schwer psychisch Kranker davon abhängig zu machen, ob sie stationär behandlungsbedürftig sind, ist viel zu ungenau und grundlegend falsch. Viele psychisch Kranke sind nur deshalb im Krankenhaus, weil ausreichend intensive ambulante Angebote fehlen.
  • Statt einer „Krankenhausbehandlung“ in ihrer Wohnung benötigen diese Patienten in akuten Krankheitsphasen eine aufeinander abgestimmte ambulante Behandlung durch ein multiprofessionelles Team.
  • Die Behandlung zu Hause macht dabei nur einen Teil des benötigten Leistungsspektrums aus. Entscheidend ist vielmehr, dass der psychisch Kranke auf ein breites Spektrum an Hilfen zurückgreifen kann und dass die verschiedenen Behandlungselemente koordiniert und „aus einer Hand“ erfolgen.

Die BPtK fordert deshalb, statt einer „stationsäquivalenten Behandlung“ eine „ambulante Komplexleistung für schwer psychisch Kranke“ einzuführen, die nicht von Krankenhäusern, sondern von psychiatrischen Institutsambulanzen und ambulanten Netzen erbracht werden. Zu diesen Teams sollten Ärzte, Psychotherapeuten, psychiatrische Krankenpflege und Soziotherapeuten gehören. Die ambulante Komplexleistung sollte in akuten Krankheitsphasen eine drohende stationäre Behandlung abwenden. Sie sollte insbesondere sichern, dass der psychisch Kranke in seiner Wohnung bleiben, seinen Alltag bewältigen und ambulante psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungen fortsetzen kann.

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Wartezeiten beim Psychotherapeuten werden erheblich verkürzt

Ab dem 1. April 2017 können Psychotherapeuten ihren Patienten eine Sprechstunde anbieten. „Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde lassen sich die bisherigen monatelangen Wartezeiten auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten erheblich verringern“, erklärt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), anlässlich der Änderung der Psychotherapie-Richtlinie, die heute der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beschlossen hat. „Dieser erste schnelle Kontakt zu einem Experten für psychische Erkrankungen ist eine positive Neuerung. Ratsuchende bekommen damit kurzfristig eine erste Auskunft, wodurch ihre Beschwerden bedingt sind und welche Hilfen sie dafür bekommen können.“

Als Sprechstunde müssen mindestens zwei Stunden in der Woche angeboten werden. Ein erwachsener Patient kann bis zu 6 x 25-minütige Termine erhalten – Kinder, Jugendliche und deren Eltern bis zu 10 x 25-minütige Termine. Eltern können auch ohne ihre Kinder Termine in der Sprechstunde wahrnehmen. Ein Psychotherapeut muss feste Zeiten für die Sprechstunden vorhalten und veröffentlichen. Ein Psychotherapeut kann eine Sprechstunde einrichten, muss dies aber nicht.

In der Sprechstunde erfährt der Patient: Wie sind seine psychischen Beschwerden einzuschätzen? Müssen sie behandelt werden oder reichen Selbsthilfe- und Beratungsangebote? Welche Selbsthilfe- und Beratungsangebote gibt es? Besteht eine psychische Erkrankung mit Behandlungsbedarf, wird der Patient über die Diagnose und die mögliche Behandlung (Psychotherapie, Einzel- oder Gruppenpsychotherapie, unterschiedliche psychotherapeutische Verfahren, weitere Behandlungsmöglichkeiten inklusive Psychopharmaka) informiert? Wenn möglich, erhält der Patient einen Behandlungsplatz bei dem Psychotherapeuten, in dessen Sprechstunde er war. Sonst wird versucht, ihn an einen anderen Psychotherapeuten weiterzuvermitteln. Bei fehlenden freien Behandlungsplätzen wird er auf die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen hingewiesen. Die Servicestellen müssen innerhalb von vier Wochen einen freien Behandlungsplatz bei einem Psychotherapeuten finden oder sonst eine ambulante Behandlung in einem Krankenhaus vermitteln.

Akutbehandlung
Eine weitere wichtige Verbesserung ist die Möglichkeit, psychisch Kranken mit sofortigem Behandlungsbedarf unmittelbar zu helfen. Diese neue Akutbehandlung ist gedacht für Patienten, die rasch Hilfe brauchen und ohne diese möglicherweise schwerer erkranken würden, nicht mehr arbeiten könnten oder in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssten. Diese kurzfristige Intervention besteht aus bis zu 24 Gesprächseinheiten à 25 Minuten, die sehr rasch nach der Sprechstunde beginnen können. Diese Leistungen müssen auch nicht bei der Krankenkasse beantragt werden. „Eine solche Akutbehandlung ist eine wichtige Ergänzung des bisherigen psychotherapeutischen Leistungsangebots“, sagt BPtK-Präsident Munz.

Probatorik
Vor Beginn einer klassischen Einzel- oder Gruppenpsychotherapie finden auch in Zukunft probatorische Gespräche von mindestens zwei und höchstens vier Stunden statt. Diese Gespräche können Eltern eines Kindes auch alleine nutzen. Dabei sind in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen zwei zusätzliche Termine möglich. In der Probatorik planen Psychotherapeut und Patient gemeinsam die konkrete Behandlung. Der Patient erfährt, wie konkret mit dem jeweiligen psychotherapeutischen Verfahren seine psychischen Beschwerden und ihre Ursachen bearbeitet werden können. Der Psychotherapeut klärt, ob eine ausreichende Therapiemotivation besteht und ein stabiles Arbeitsbündnis mit dem Patienten aufgebaut werden kann. „Die Probatorik ist eine sensible Phase, die wesentlich über den Erfolg einer Psychotherapie mitentscheidet“, erläutert BPtK-Präsident Munz. „Der G-BA lässt hier wenig patientenindividuelle Spielräume, da er immer mindestens zwei und höchstens vier probatorische Stunden vorschreibt. Das ist eine Überregulierung im Detail, die nicht notwendig war.“

Kurzzeittherapie
Schon jetzt sind rund 70 Prozent der Psychotherapien kurze Behandlungen bis zu 25 Stunden. Zukünftig muss diese Kurzzeittherapie in zwei Abschnitte à 12 Stunden unterteilt werden. Jeder Abschnitt ist antragspflichtig. Die Krankenkassen haben drei Wochen Zeit, einen Antrag auf Kurzeittherapie zu beantworten. „Dadurch entstehen neue Wartezeiten“, kritisiert der BPtK-Präsident. Die Genehmigung kann aber auch dadurch erfolgen, dass diese Frist verstreicht. „Das ist ein Schildbürgerstreich erster Klasse“, urteilt Munz. „Der G-BA schafft neue Antragsverfahren, die er aber selbst so wenig ernst nimmt, dass er gar keine Prüfung der Anträge vorschreibt, sondern eine Genehmigung dadurch erfolgt, dass sich die Krankenkassen die Antwort sparen können.“

Langzeittherapie
Auch zukünftig ist es möglich, direkt nach den probatorischen Gesprächen mit einer Langzeittherapie von mehr als 24 Stunden zu beginnen. Wie bisher muss allerdings ein Gutachter prüfen, ob eine Einzel- oder Gruppenpsychotherapie notwendig und erfolgsversprechend ist. Dabei bleibt es bei den bisherigen Höchststundenzahlen, die je nach psychotherapeutischem Verfahren variieren. Bei Erwachsenen kann eine analytische Psychotherapie bis zu 160 Stunden, in besonderen Fällen bis zu maximal 300 Stunden, umfassen. Die tiefenpsychologische Therapie umfasst im ersten Schritt 60 Stunden, in besonderen Fällen kann sie auf 100 Stunden ausgedehnt werden. Wer sich für eine Verhaltenstherapie entscheidet, kann zunächst 60 Stunden lang therapeutische Unterstützung und dann noch einmal 20 Stunden erhalten.

Rezidivprophylaxe
Als Abschluss einer Langzeittherapie kann künftig eine Rezidivprophylaxe durchgeführt werden, mit der ein Behandlungserfolg gesichert und einem Rückfall vorgebeugt werden soll. Dabei soll bereits im Antrag einer Langzeittherapie angegeben werden, ob und in welchem Umfang eine Rezidivprophylaxe eingesetzt werden soll. Bei Behandlungen von Erwachsenen können bis zu 8 von 60 Therapiestunden, bei Behandlungen über 60 Stunden bis zu 16 Therapiestunden als Rezidivprophylaxe verwendet werden. Bei Kindern und Jugendlichen sind dies 10 beziehungsweise 20 Therapiestunden. Die Verlängerung einer Behandlung ausschließlich zur Rezidivprophylaxe ist nicht zulässig. Die Rezidivprophylaxe kann über einen Zeitraum von zwei Jahren nach Abschluss der Behandlung durchgeführt werden.

„Der G-BA hatte eigentlich den Auftrag, für die Rezidivprophylaxe einen eigenen Leistungsbereich zu schaffen, um erneute Erkrankungen besser zu verhindern“, stellt BPtK-Präsident Munz fest. „Dafür wäre für chronisch und schwer kranke Patienten auch ein flexibles Behandlungsangebot nach Abschluss einer Psychotherapie sinnvoll gewesen. Leider hat der G-BA diesen Auftrag nicht erfüllt. Die Beschränkung auf die Langzeittherapie ist fachlich nicht nachvollziehbar. Auch nach einer Behandlung mit bis zu 25 Stunden kann es notwendig sein, Rückfällen vorzubeugen.“

Standarddokumentation
Schließlich hat der G-BA eine Standarddokumentation für die ambulante Psychotherapie eingeführt. Zu Beginn und am Ende einer Behandlung müssen von Patient und Psychotherapeut gemeinsam Fragebögen ausgefüllt werden. Dazu gehört auch die verpflichtende Verwendung von psychometrischen Testverfahren für alle Patienten. Bei Kindern und Jugendlichen wird darüber hinaus grundsätzlich die differenzierte Erfassung der Intelligenz verlangt, unabhängig davon, ob dies bei der jeweiligen psychischen Erkrankung überhaupt erforderlich ist. Diese Intelligenzmessung muss entweder als aufwendiger Test durchgeführt werden, kann aber auch als grobe Schätzung des IQ erfolgen. „Das heißt, der G-BA schreibt bei Kindern und Jugendlichen grundsätzlich einen Intelligenztest vor, auch wenn er gar nicht notwendig ist. Außerdem muss die Intelligenz dann entweder übertrieben aufwendig getestet oder fahrlässig ungenau geschätzt werden“, stellt BPtK-Präsident Munz fest. „Dem G-BA ist völlig aus dem Blick geraten, welchen Zwecken die Standarddokumentation dienen soll.“

Die vorgeschriebenen Fragen und Antwortmöglichkeiten sind außerdem in einer zum Teil verletzenden und stigmatisierenden Sprache verfasst. Als Faktoren, die eine Erkrankung gefördert haben, müssen Eltern gemeinsam mit dem Psychotherapeuten zum Beispiel „abnorme Erziehungsbedingungen“ ankreuzen oder „abnorme intrafamiliäre Beziehungen“ angeben. „Solche herabwürdigenden Bezeichnungen sind für die Gespräche mit Patienten völlig ungeeignet“, stellt Munz fest. „Der G-BA hätte diese Dokumentationsbögen sprachlich unbedingt anpassen müssen.“

Insgesamt ist diese verpflichtende Dokumentation für alle Patienten in psychotherapeutischer Behandlung weder patienten- noch nutzenorientiert, noch evidenzbasiert. „Die Testverfahren sind zum Teil ungeeignet, um die Diagnostik psychischer Erkrankungen zu unterstützen“, kritisiert BPtK-Präsident Munz. „Gerade bei Kindern und Jugendlichen bilden sie den Behandlungserfolg nicht ab. Die Dokumentation ermöglicht auch keine Sicherung der Behandlungsqualität.“ Dabei hat der G-BA Qualitätssicherungskonzepte ignoriert, die er selbst 2014 in Auftrag gegeben hat.

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Kurzfristige Abklärung psychischer Beschwerden und erste Beratung

Menschen mit psychischen Beschwerden können künftig schnell einen ersten Termin beim Psychotherapeuten erhalten. Ab dem 1. April 2017 können Psychotherapeuten ihren Patienten eine Sprechstunde anbieten. Damit sind kurzfristig Termine von 25 oder 50 Minuten möglich, in denen Patienten eine erste Beratung bekommen. Sie erfahren, ob bei ihnen Selbsthilfe- oder Beratungsangebote ausreichen, ob sie psychisch erkrankt sind und welche Behandlung sie benötigen oder ob weitere diagnostische Abklärungen erforderlich sind. Der Gemeinsame Bundesausschuss beschloss heute die dafür notwendige Änderung der Psychotherapie-Richtlinie.

„Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde lassen sich die bisherigen monatelangen Wartezeiten auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten erheblich verringern“, stellt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), fest. „Dieser erste schnelle Kontakt zu einem Experten für psychische Erkrankungen ist eine positive Neuerung. Ratsuchende bekommen damit kurzfristig eine erste Auskunft, wodurch ihre Beschwerden bedingt sind und welche Hilfen sie dafür bekommen können.“

Eine weitere wichtige Verbesserung ist die Möglichkeit, akut Kranken unmittelbar zu helfen. Ziel der neuen Akutbehandlung ist es, akute psychische Krisen oder Ausnahmezustände zu bessern. Sie ist damit gedacht für Patienten, die rasch Hilfe benötigen, weil sie sonst schwerer oder chronisch erkranken, nicht mehr arbeiten können oder die andernfalls ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Diese kurzfristige Intervention besteht aus bis zu 24 Gesprächseinheiten à 25 Minuten, die sehr rasch nach der Sprechstunde beginnen können. Diese Leistungen müssen auch nicht bei der Krankenkasse beantragt werden. „Eine solche Akutbehandlung ist eine wichtige Ergänzung des bisherigen psychotherapeutischen Leistungsangebots“, sagt der BPtK-Präsident.

Die psychotherapeutische Sprechstunde löst jedoch nicht den grundsätzlichen Mangel an Behandlungsplätzen. „Wer eine erste Diagnose und Beratung in der Sprechstunde erhalten hat, muss sich auch zukünftig in vielen Regionen auf Wartezeiten bis zum Beginn der klassischen Einzeltherapie einstellen“, dämpft Munz die Erwartungen.

KLEINE ANFRAGE DER GRÜNEN ZU ARBEITSBEDINGUNGEN UND PSYCHISCHEN BELASTUNGEN

Arbeitnehmer fehlten 2014 fast 80 Millionen Tage aufgrund von psychischen Erkrankungen in ihren Betrieben. Damit sind psychische Erkrankungen die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit (AU). Ihr Anteil an allen Fehltagen liegt bei 17 Prozent. Nur Muskel-Skelett-Erkrankungen sind mit 27 Prozent noch häufiger. Dies zeigt die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zu Arbeitsbedingungen und psychischen Belastungen, die heute veröffentlicht wurde. 2014 waren unter den zwanzig häufigsten Einzeldiagnosen sechs psychische Erkrankungen. Depressionen waren die zweithäufigste Einzeldiagnose.

Aufgrund psychischer Erkrankungen fehlten überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer in der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheits- und Sozialwesen. In diesen Wirtschaftszweigen gibt es mehr als 1,5-mal so viele psychisch bedingte AU-Tage wie im Durchschnitt.

Die Bundesregierung zählt den Erhalt und die Förderung der psychischen Gesundheit heute zu den wichtigsten Herausforderungen im Arbeitsschutz. Die zunehmenden psychischen Belastungsfaktoren, wie erhöhter Zeitdruck, permanente Erreichbarkeit und zunehmende Unterbrechungen bei der Arbeit, erhöhten das Risiko für psychische Erkrankungen.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) fordert deshalb, dass Psychotherapeuten in der geplanten psychotherapeutischen Sprechstunde auch Präventionsempfehlungen geben können. „Psychotherapeuten sind ausgesprochene Experten für die Vorbeugung und Früherkennung von psychischen Erkrankungen“, erklärt BPtK-Präsident Dr. Dietrich Munz. „Es ist deshalb unverständlich, dass sie nach dem Präventionsgesetz keine Präventionsempfehlungen ausstellen können.“

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Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN „Arbeitsbedingungen und psychische Belastungen” (BT-Drs. 18/8587)