Verstärkte Zusammenarbeit verabredet

Am 28. April 2017 fand das erste bundesweite Round-Table „Selbsthilfe und Psychotherapie“ in Berlin statt. Auf Einladung der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) und der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) nahmen insgesamt 35 Vertreterinnen und Vertreter der Selbsthilfekontaktstellen und der Landespsychotherapeutenkammern aus dem gesamten Bundesgebiet an dieser Veranstaltung teil. Ziel war, die jeweiligen Behandlungs- und Versorgungsmöglichkeiten kennen zu lernen und Anknüpfungspunkte für eine intensivere Kooperation zu identifizieren.

Mit der neuen Psychotherapie-Richtlinie wurde die Lotsenfunktion der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen weiter gestärkt. Psychotherapeuten informieren seit dem 1. April Patientinnen und Patienten in der Sprechstunde über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten und ggf. auch über Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Selbsthilfe.

Selbsthilfekontaktstellen als niedrigschwellige und wohnortnahe professionelle Unterstützungsstrukturen, die in vielen Landkreisen des Bundesgebietes zur Verfügung stehen, sind für Menschen mit psychischen Problemen oder Erkrankungen wichtige Anlaufstellen und Mittler zur professionellen Versorgung. Sie führen Verzeichnisse über die Selbsthilfegruppen in ihrem Einzugsgebiet, informieren Interessierte und Multiplikatoren über die Selbsthilfearbeit und bieten Unterstützung bei der Gruppengründung und Begleitung in verschiedenen Gruppenphasen. Die Rolle der gemeinschaftlichen Selbsthilfe für die Prävention wurde zuletzt durch das seit 2016 geltende Präventionsgesetz weiter gestärkt.

Die anwesenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kontaktstellen berichteten von ihren Erfahrungen, die sie in ihrer Arbeit mit Menschen mit seelischen Erkrankungen und Problemen machen. Problematisch seien dabei immer wieder die Patienten, die keinen Therapieplatz finden und dann Selbsthilfe als Zwischenlösung oder „Therapie light“ in Anspruch nehmen wollen. Dies würde die Selbsthilfegruppen überfordern und werde dem Behandlungsbedarf der Patienten nicht gerecht. Deshalb hoffe man in den Kontaktstellen, dass durch die psychotherapeutische Sprechstunde ein schnellerer Zugang zur Versorgung möglich werde. Zugleich wurde die Sorge geäußert, dass Psychotherapeuten vor dem Hintergrund fehlender Therapieplätze künftig vermehrt auch auf die Angebote der Selbsthilfe verweisen könnten und damit Kapazitätsprobleme bei den Kontaktstellen (insbesondere bei Clearing-Gesprächen) entstehen werden.

Eine zentrale Frage für die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten war, für wen und unter welchen Voraussetzungen eine Selbsthilfegruppe geeignet sein kann und wem sie die Teilnahme an einer Gruppe empfehlen können und wem eher nicht. Betont wurde, dass es keine allgemeine Indikation für gemeinschaftliche Selbsthilfe als alleinstehendes Versorgungsangebot gebe. Die Gruppenselbsthilfe sei jedoch im Genesungsprozess eine gute ergänzende Möglichkeit parallel zu oder im Anschluss an die psychotherapeutische oder ärztliche Behandlung. Für Menschen in akuten Krisen sei Gruppenselbsthilfe dagegen ungeeignet. Die Bereitschaft, Angebote der Selbsthilfegruppen zu nutzen, sei bei Menschen, die in der Klinik oder auch ambulant eine Psychotherapie kennengelernt haben, am größten, berichteten die Kontaktstellen.

In der abschließenden Erörterung zukünftiger Kooperationsfelder stand zunächst die Empfehlung im Vordergrund, dass Psychotherapeuten Menschen mit psychischen Beschwerden, die sich die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe vorstellen können, auf die örtliche Selbsthilfekontaktstelle hinzuweisen. Alternativ könnten die Praxen bei den Selbsthilfekontaktstellen auch direkt die entsprechenden regionalen Gruppen erfragen. Außerdem könnten die Landespsychotherapeutenkammern zusammen mit den Landesarbeitsgemeinschaften der Selbsthilfekontaktstellen regionale Round-Table-Gespräche durchführen und so einen weiteren Austausch ermöglichen. Ebenso wurden Informationsveranstaltungen zur Selbsthilfe für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten als ein Weg für die Beförderung der Zusammenarbeit genannt. Hier können beispielsweise die von den Kassenärztlichen Vereinigungen (bzw. Kooperationsberatungsstellen für Selbsthilfegruppen und Ärzte) in Nordrhein und Westfalen sowie in Baden-Württemberg entwickelten Seminare für Praxispersonal ein hilfreicher Ansatz sein. Schließlich wurde die Beteiligung der Selbsthilfekontaktstellen und der NAKOS an einer größeren multiprofessionellen Veranstaltung mit den einschlägigen Fachgesellschaften und Verbänden für das Jahr 2018 in Betracht gezogen.

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KURZBERICHT

Am 05.07.2017 fand in den Räumlichkeiten des Hauses des Sports am Schlump die Veranstaltung „Schweigepflicht in der Psychotherapie“ mit rund 70 Gästen statt.

Zu Beginn erläuterte Johannes Schopohl, Referent der Bundespsychotherapeutenkammer, die wesentlichen rechtlichen Rahmenbedingungen. Im Anschluss folgten Fallbeispiele von den teilnehmenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie eine anregende Diskussionsrunde.

Die Präsentation des Referenten Johannes Schopohl können Sie hier herunterladen:

Präsentation Schopohl, BPtK, Schweigepflicht in der Psychotherapie.pdf (PDF, 812 kb)

DEUTSCHER BUNDESTAG FORDERT INTERDISZIPLINÄRE ARBEITSGRUPPE

Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung in einem einstimmigen Beschluss aufgefordert, eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Kinder psychisch kranker Eltern einzusetzen. Sie soll einvernehmlich Vorschläge zur Verbesserung der Situation von Kindern und Jugendlichen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil psychisch krank ist, erarbeiten. Dazu soll sie bestehende Zuständigkeiten und rechtliche Rahmenbedingungen klären, gesetzgeberischen Handlungsbedarf ausmachen und bis zum 1. Juli 2018 einen Bericht vorlegen. An der Arbeitsgruppe sollen die zuständigen Bundesministerien (Familie, Arbeit und Gesundheit), Fachverbände und -organisationen sowie weitere Sachverständige beteiligt werden.

Die Bundesregierung soll darüber hinaus Aufklärungsmaßnahmen für die Allgemeinbevölkerung, betroffene Familien und Fachleute starten und über die Aus- und Weiterbildung der an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen sicherstellen, dass sie zur notwenigen Kooperation fähig und bereit sind. Neben Erziehern und Lehrern werden Psychotherapeuten und Ärzte als Zielgruppen genannt.

Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung. Bei ca. 3,8 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist im Laufe eines Jahres ein Elternteil psychisch krank. Der Beschluss des Bundestages geht auf einen Antrag des Bundesverbandes für Erziehungshilfe (AFET) und des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie an den Familien- und den Gesundheitsausschuss des Bundestages zurück, eine interdisziplinäre Sachverständigenkommission einzusetzen. Die Bundespsychotherapeutenkammer ist Mitunterzeichnerin der Initiative.

Links: Beschluss des Bundestages (BT-Drs. 18/12780)

Teilnahme an Feldstudien zur Entwicklung der ICD-11

2018 wird die Verabschiedung der neuen ICD-11 erwartet. Deshalb wird seit Jahren die aktuelle Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) überarbeitet.

Dabei können sich auch deutsche Experten und klinische Anwender des Diagnosesystems mit ihrer spezifischen Fachkompetenz einbringen. Interessierte Psychotherapeuten können sich an zwei Teilprojekten beteiligen. Das eine Projekt betrifft die Diagnosestellung anhand von Fallbeschreibungen nach ICD-10- oder ICD-11-Kriterien, das andere Projekt die Zuweisung von Diagnose-Codes bei mehreren Fallbeschreibungen nach ICD-10 und ICD-11.

Interessierte sollten sich bis spätestens zum 31. August 2017 unter https://gcp.network/en/register (Teilprojekt 1) registrieren und der Projektgruppe ihre Teilnahmebereitschaft per E-Mail an ICD11[at]LVR.de (Teilprojekt 2) mitteilen. Voraussetzungen hierfür sind neben der Erfahrung im klinisch-diagnostischen Bereich auch gute Englischkenntnisse.

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Sprechstunde als psychotherapeutische Grundversorgung anerkannt

Die neuen psychotherapeutischen Leistungen, Sprechstunde und Akutbehandlung, werden besser vergütet und auf das Niveau der antrags- und genehmigungspflichtigen psychotherapeutischen Leistungen angehoben. Die Sprechstunde wird zugleich als Leistung der psychotherapeutischen Grundversorgung anerkannt und ist zuschlagsfähig. Dies hat der Bewertungsausschuss auf seiner Sitzung am 21. Juni 2017 beschlossen. Diese Regelung gilt rückwirkend zum 1. April 2017.

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hatte nach eingehender Prüfung des Beschlusses des Erweiterten Bewertungsausschusses vom 29. März auf eine solche Korrektur gedrängt. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), die Landespsychotherapeutenkammern und die psychotherapeutischen Verbände hatten unisono den ursprünglichen Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses als fachliche Fehleinschätzung kritisiert und das BMG um eine Beanstandung gebeten. Außerdem hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg Klage gegen den Beschluss eingereicht.

Bei Sprechstunde und Akutbehandlung werden jetzt wie bei anderen psychotherapeutischen Gesprächsleistungen auch grundsätzlich 20 Prozent der Zeit, die mindestens für diese Leistungen vorgesehen sind, zusätzlich zur Vor- und Nachbereitung einkalkuliert und honoriert. Zu den 25 Minuten einer Sprechstunde und Akutbehandlung werden deshalb fünf Minuten zur Vor- und Nachbereitung hinzugerechnet und insgesamt 30 Minuten vergütet. Damit werden die 25 Minuten mit 44,33 Euro honoriert.

Psychotherapeutische Grundversorgung

Auf Drängen des BMG hat der Bewertungsausschuss auch seine Entscheidung korrigiert, die psychotherapeutische Sprechstunde nicht zur psychotherapeutischen Grundversorgung zu zählen. Lediglich bei der Akutbehandlung bleibt es bei der alten Regelung. Somit können Zuschläge zur Förderung der psychotherapeutischen Grundversorgung (GOP 23216 und GOP 23218) auch dann abgerechnet werden, wenn im selben Quartal eine Sprechstunde stattgefunden hat. Die ursprüngliche Regelung hätte für die Psychotherapeuten zu Mindereinnahmen in Höhe von mindestens 18 Millionen Euro geführt.

Keine Anhebung der Vergütung der Probatorik

Für probatorische Sitzungen ist dagegen keine Anpassung der Vergütung beschlossen worden. Für diese Leistungen werden auch weiterhin keine Strukturzuschläge gezahlt. Die BPtK hatte in ihrem Schreiben das BMG auch bei diesen beiden Punkten um Beanstandung gebeten. Beide stehen nicht im Einklang mit der gesetzlichen Vorgabe, wonach die Bewertung der psychotherapeutischen Leistungen eine angemessene Vergütung je Zeiteinheit zu gewährleisten hat (§ 87 Absatz 2c Satz 6 SGB V).

Vor jeder genehmigungspflichtigen Behandlung sind nach der neuen Psychotherapie-Richtlinie mindestens zwei probatorische Sitzungen durchzuführen. Die vom Bundessozialgericht (BSG) angenommene Belastungsgrenze von 36 Behandlungsstunden, welche die Grundlage für die Berechnung des Mindesthonorars bildet, muss daher auch die probatorischen Sitzungen einschließen. Nach der bisherigen Rechtsprechung des BSG sind damit probatorische Sitzungen wie genehmigungspflichtige Leistungen zu vergüten und vollständig in die Zuschlagssystematik einzubeziehen. Das BMG sah jedoch im Rahmen seiner Rechtsaufsicht für sich keinen Spielraum, dem Bewertungsausschuss hierbei Auflagen zu machen.

Eine bessere Vergütung auch der probatorischen Sitzungen wäre durchaus finanzierbar. Die Kosten hierfür betrügen insgesamt circa 50 Millionen Euro. Das ist deutlich weniger, als die Krankenkassen behaupten.

Die künftigen Entscheidungen des Bundessozialgerichts bleiben abzuwarten. Um den Anspruch auf ein angemessenes Honorar über den Weg einer gerichtlichen Klärung zu wahren, müssen Psychotherapeuten allerdings weiterhin gegen jeden einzelnen Honorarbescheid Widerspruch einlegen.

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Richtlinien seit Juni in Kraft getreten

Psychotherapeuten können die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen künftig umfassender koordinieren. Sie können seit Juni Krankenfahrten und Krankentransport sowie Soziotherapie und medizinische Rehabilitation verordnen und Patienten wegen ihrer psychischen Erkrankung zur stationären Behandlung ins Krankenhaus einweisen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte die erforderlichen Richtlinienänderungen am 16. März dieses Jahres beschlossen. Nachdem das Bundesgesundheitsministerium diese Änderungen nicht beanstandet hat, sind sie seit Anfang Juni in Kraft.

Für die Verordnung von Soziotherapie und medizinischer Rehabilitation muss allerdings noch der Einheitliche Bewertungsmaßstab angepasst werden. Diese Anpassungen hat der Bewertungsausschuss spätestens bis Dezember 2017 zu beschließen. Dies betrifft bei der Soziotherapie die Abrechnungsbestimmungen der Gebührenordnungspositionen (GOP) 30810 „Erstverordnung Soziotherapie“ und 30811 „Folgeverordnung Soziotherapie“. Bei der Verordnung von medizinischer Rehabilitation ist eine Änderung der Präambel des Kapitels 23 erforderlich, damit Psychotherapeuten die GOP 01611 „Verordnung medizinische Rehabilitation“ zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung abrechnen können.

Für die Verordnung von medizinischer Rehabilitation ist seit April 2016 keine gesonderte Abrechnungsgenehmigung mehr erforderlich. Dagegen müssen Psychotherapeuten für die Verordnung von Soziotherapie bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung einen „Antrag auf Abrechnungsgenehmigung zur Verordnung von Soziotherapie“ stellen. Dabei müssen sie unter anderem die kooperierenden Einrichtungen (gemeindepsychiatrischer Verbund oder vergleichbare Versorgungsstrukturen) angeben.

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BPtK empfiehlt, Jugendliche mit der Serie nicht allein zu lassen

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) empfiehlt Eltern, ihre jugendlichen Kinder die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ nicht alleine sehen zu lassen, nach der Serie zu fragen, wenn möglich die Serie gemeinsam anzuschauen und darüber zu sprechen. Die Serie kann bei Jugendlichen dazu führen, dass sie Suizidgedanken entwickeln oder tatsächlich einen Suizid begehen.

Die seit März 2017 ausgestrahlte Serie handelt von einem jungen Mädchen, das sich suizidiert. Es hinterlässt Nachrichten für diejenigen, die sie für ihren Tod mitverantwortlich macht. Die Serie gilt als ausgesprochen populär unter Jugendlichen und ist großes Thema in den sozialen Netzwerken.

Empirische Studien belegen, dass Medienberichte über Suizide dazu führen können, dass die Anzahl von Suiziden steigt. Manche Jugendliche haben während der Pubertät Gedanken, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Besonders für labile Jugendliche kann die Darstellung eines Suizids z. B. in einem Film der Auslöser sein, diese Gedanken weiter zu verfolgen oder gar in die Tat umzusetzen. Suizide sind die zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe von 15 bis 25 Jahre. Auch die ZDF-Serie „Tod eines Schülers“ hatte 1981 nach ihrer Ausstrahlung zu Selbstmorden von Jugendlichen geführt. Die BPtK warnt vor der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“, weil:

  • der Selbstmord der Hauptperson im Film detailliert dargestellt wird und diese Szenen wie eine Handlungsanleitung wirken können,
  • Hannah Baker, die sich in der Serie selbst tötet, ein hübsches, sensibles und ausgesprochen sympathisches Mädchen ist, mit dem sich Zuschauerinnen leicht identifizieren können. Viele Zuschauerinnen werden die emotionalen Probleme der tragischen Heldin gut nachvollziehen können und deshalb auch ihren Suizid für verständlich halten: „Wenn selbst so jemand Hübsches und Tolles wie Hannah es nicht schafft, mit ihren Problemen fertig zu werden, dann schaffe ich es erst recht nicht“,
  • der Film den Suizid als Hannah Bakers individuelle Lösung darstellt, die eine lange Vorgeschichte hat. Jugendliche Zuschauer können ihren Suizid daher leicht als folgerichtige und damit richtige Lösung missverstehen,
  • für Hannah Baker ihr Suizid außerdem eine erlösende Rache an den Schuldigen ihrer seelischen Qualen ist: „Wenn ich tot bin, werden die anderen endlich begreifen, wie schlecht es mir ging und was sie mir angetan haben.“ Der Film zeigt sogar, wie ihre Rache funktioniert. Einer der beiden Entwicklungsstränge der Geschichte beschreibt, wie sich Eltern und Mitschüler mit den Schuldzuweisungen („13 Gründe für meinen Selbstmord“) auseinandersetzen,
  • die Serie zeigt, dass Eltern, Lehrer und Schulpsychologen nicht in der Lage sind zu erkennen, dass Hannah Baker gefährdet ist. Dies könnte so missverstanden werden, dass Eltern, Lehrer und Schulpsychologen nie eine Hilfe sind. „Erwachsene lassen einen sowieso nur im Stich, niemand kann mir helfen.“

In der Forschung ist der Nachahmeffekt, der durch die Darstellung von Suiziden in Medien ausgelöst werden kann, gut belegt und als „Werther-Effekt“ beschrieben (nach Goethes Buch „Die Leiden des jungen Werther“). Dieser Effekt zeigt sich auch bei Erwachsenen. Berühmte Beispiele für solche Nachahmer-Suizide sind die Tode von Kurt Cobain und Robert Enke. Experten haben deshalb Empfehlungen erarbeitet, wie über Selbstmorde berichtet werden sollte, um solche tragischen Folgeeffekte zu vermeiden. Danach sollen insbesondere Presse, Funk und Fernsehen einen Suizid immer als ein Zeichen für psychische Probleme darstellen und über die Hintergründe von Suizidgefährdung sowie Hilfemöglichkeiten informieren.

Die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ erzählt durchaus realistisch eine Geschichte, wie im wirklichen Leben alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Eine ausdrückliche Darstellung des Suizids sollte aber auch in einem Film nicht erfolgen. Lehrer können die Netflix-Serie allerdings zum Anlass nehmen, über psychische Leiden und wie man damit umgehen kann zu sprechen. Sie sollten betonen, dass es völlig normal ist, wenn Gefühle verrückt spielen, einen völlig in Beschlag nehmen, einen an nichts anderes mehr denken lassen. Die BPtK-Website „GeFühle fetzen“ beschreibt Jugendliche, die sich intensiv mit verschiedenen Emotionen und Konflikten auseinandersetzen. Sie beschreibt auch, was Jugendliche tun können, wenn sie alleine nicht mehr weiterwissen, und wo sie Hilfen finden.

Links:

Hilfestellungen für Jugendliche „GeFühle fetzen“ (Internetangebot der Bundespsychotherapeutenkammer)

Suizidpräventionsprogramm

Medienempfehlungen zur Berichterstattung über Suizide

Medienempfehlungen zur Berichterstattung nach dem Suizid einer bekannten Persönlichkeit

Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Suizidalität im Kindes- und Jugendalter

Ausführlich zur Studienlage zu Nachahmeffekten

ANTWORT DER BUNDESREGIERUNG AUF KLEINE ANFRAGE DER LINKEN

Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung. In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE (BT-Drs. 18/12247) geht die Bundesregierung davon aus, dass bei ca. 3,8 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren im Laufe eines Jahres ein Elternteil psychisch krank ist. Darunter sind etwa 500.000 bis 600.000 Kinder unter drei Jahren.

Zur Versorgung gibt es bisher kaum gesicherte Daten. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) fordert deshalb, den Unterstützungs- und Behandlungsbedarf von Kindern psychisch kranker Eltern systematisch abzuklären. Die Betroffenen brauchen einen gesicherten Zugang zu niedrigschwelligen und nachhaltigen, kooperativen und multiprofessionellen Hilfen. Zu zielgruppengerechten Hilfen weist die Bundesregierung auf einzelne Modellprojekte hin und sieht zugleich Bedarf zur Weiterentwicklung. Dazu gehört die bessere Vernetzung der Akteure aus unterschiedlichen Hilfesystemen.

Damit Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern nicht länger an unterschiedlichen Zuständigkeiten und Kostenträgern scheitern, muss der gesetzliche Handlungsbedarf geklärt und umgesetzt werden. Die BPtK ist daher Mitunterzeichnerin eines Antrags des Familien- und Gesundheitsausschusses, eine interdisziplinäre Sachverständigenkommission einzusetzen.

Links:
Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage

PSYCHOTHERAPEUTENKAMMER HAMBURG

Im vergangenen Jahr haben wir eine Umfrage gestartet, um herauszufiltern, welche Themen für Sie als Kammermitglieder von besonders großem Interesse sind. Zu den favorisierten Themen möchten wir in Zukunft Fortbildungsveranstaltungen anbieten. Im Januar und Februar haben bereits zwei Informationsveranstaltungen zur neuen Psychotherapierichtlinie stattgefunden (die Präsentation finden Sie hier). Im kommenden Juli ist eine Veranstaltung dem Thema „Schweigepflicht in der Psychotherapie“ geplant.

Wann?
Mittwoch, 05.07.2017 um 19:30 Uhr

Wo?
Haus des Sports (1. OG), Schäferkampsallee 1, 20357 Hamburg

Was?
In der Veranstaltung sollen Fragen zur Schweigepflicht in der Psychotherapie behandelt werden. Johannes Schopohl, Referent der Bundespsychotherapeutenkammer, wird zu diesem Thema referieren. Im Anschluss werden Fallbeispiele aus der psychotherapeutischen Praxis vorgestellt und diskutiert. Eigene Fallbeispiele und Fragen können eingebracht werden. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. Es werden drei Fortbildungspunkte vergeben.

Flyer_Schweigepflicht_in_der_Psychotherapie.pdf (PDF, 694 kb)

Bitte beachten Sie:
Während der Veranstaltung werden von der Psychotherapeutenkammer Hamburg Fotos zu Zwecken der Öffentlichkeitsarbeit aufgenommen. Diese werden auf der Homepage, im Newsletter und/oder dem Psychotherapeutenjournal veröffentlicht.

30. DEUTSCHER PSYCHOTHERAPEUTENTAG IN HANNOVER

Der 30. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) vom 12. bis 13. Mai in Hannover sprach sich mit überwältigender Mehrheit für eine Reform der Psychotherapeutenausbildung aus. In mehr als zweijähriger Arbeit hatten Experten aus den Reihen der Psychotherapeuten gemeinsam mit dem Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) und den Präsidentinnen und Präsidenten der Landespsychotherapeutenkammern ein Konzept erarbeitet, das in großer Detailtiefe die künftigen Inhalte, Strukturen und die Finanzierung der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung beschreibt. Die Reform der Psychotherapeutenausbildung gehört zu den wichtigsten Forderungen der Profession für die nächste Legislaturperiode. Als weitere zentrale Forderung wurde intensiv die notwendige Reform der Bedarfsplanung für den Bereich der Psychotherapie diskutiert.

Den gesamten Artikel sowie fotografische Eindrücke vom 30. Deutschen Psychotherapeutentag erhalten Sie hier.